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Ein heißes Thema - cool beleuchtet: ASEXUALITÄT oder das Fehlen von körperlicher Anziehung bzw. sexueller Lust (Lesezeit ca. 7 Minuten)

In den letzten Jahren werde ich in meiner psychologischen Beratungspraxis immer öfter mit einem spannenden Thema konfrontiert. Es handelt sich um eine Thematik aus dem breitgefächerten Feld der Sexualität.  Frauen und Männer berichten mir, dass sie keinerlei körperliche Anziehung zu anderen Menschen und auch nur wenig bis gar keine sexuellen Lustgefühle verspüren. Viele meiner Kundinnen und Kunden mit derartigen  „Beschwerden“ empfinden diese sexuelle Bedürfnislosigkeit  als krankhaft  und abnormal. Wenn das so wahrgenommen wird, dann könnte dahinter eine sexuelle Orientierung stecken, die in Fachkreisen als ASEXUALITÄT bezeichnet wird. Ob es sich dabei tatsächlich um Asexualität handelt oder vielleicht doch eher nur um ein vorübergehendes sexuelles Unlustgefühl, das gilt es herauszufinden, denn nicht jede sexuelle Unlust resultiert aus einer sexuellen Orientierung, die man als Asexualität bezeichnet

 

Sexuelle Thematiken sorgen in der Gesellschaft immer für mehr oder weniger polarisierenden Gesprächsstoff. Es wird viel darüber diskutiert und oft auch regelrecht gestritten, was hier als normal und was als krankhaft zu bewerten ist. Dabei passiert es häufig, dass an sich ganz natürliche sexuelle Vorlieben in den Köpfen der Menschen in den Bereich der Abnormität eingeordnet werden. Wenn das passiert, dann ist der Grund dafür nicht immer, aber doch recht oft,  einfach der, dass es den Menschen an Wissen darüber fehlt,  worum es sich bei gewissen sexuellen Orientierungen, zu denen auch die Asexualität zählt,  tatsächlich handelt.

 

Aufklärung ist also gefragt. Deshalb will ich heute mit euch der Frage nachgehen, ob das Fehlen sexueller Lust und körperlicher Anziehung wirklich so krankhaft und abnormal ist, wie viele Menschen denken. 

 

Der folgende Blogartikel stützt sich einerseits auf wissenschaftliche Forschung, aber auch auf Eindrücke und Erkenntnisse, die ich persönlich zum Thema Asexualität in meiner Beratungspraxis und auch in meinem Leben außerhalb meiner beruflichen Tätigkeit gewonnen habe bzw. nach wie vor regelmäßig gewinne. 


Das Fehlen sexueller Anziehung bzw.  die generelle sexuelle Bedürfnislosigkeit wird heute mit dem Begriff Asexualität beschrieben. Asexualität ist keine Krankheit, sondern das Bedürfnis, menschliche Nähe und tiefe Verbundenheit in Form von Liebe auch ohne körperliche Anziehung bzw. eventuell sogar auch gänzlich ohne ein sexuelles Verlangen erleben und ausleben zu können. 

 

Wer asexuell ist, zwingt sich nicht in eine fremdbestimmte künstliche Keuschheit, wie  zB jene des Zölibats, das die katholische Kirche ihren Priestern und Ordensschwestern bis heute noch immer vorschreibt.

 

Wer asexuell ist, entscheidet sich auch nicht selbst willentlich dazu, seine sexuellen Bedürfnisse gar nicht oder erst nach einer Eheschließung auszuleben. Menschen, die sich freiwillig dieser Kasteiung unterwerfen,  unterdrücken ihr sexuelles Verlangen und Begehren, sind aber nicht asexuell. Denn ein sexuelles Bedürfnis und auch das Spüren körperlicher Anziehung in Bezug zu anderen Menschen sind hier sehr wohl vorhanden und möglicherweise durch die selbst auferlegte diesbezügliche Zurückhaltung, mitunter sogar besonders stark ausgeprägt. 


Das Spektrum der Asexualität ist breit gefächert. Was allerdings auf asexuelle Menschen allgemein nahezu 100%ig zutrifft, ist die Tatsache, dass sie keine oder kaum körperliche Anziehung in Bezug zu anderen Menschen verspüren.  Manchmal geht das auch damit einher, dass das sexuelle Lustempfinden generell fehlt.  Das ist aber nicht immer der Fall. Es gibt auch asexuelle Menschen, die sehr wohl sexuelle Lust verspüren, die sie allerdings dann auf unterschiedlichste Art und Weise sozusagen in "Eigenregie" befriedigen,  weil das Bedürfnis nach körperlicher Nähe mit anderen Menschen eben so gut wie gar nicht vorhanden ist.  

 

Asexualität ist sehr individuell und wird dementsprechend von jedem Betroffenen ein wenig anders erlebt und ausgelebt. 


Asexuelle Menschen haben es oft schwer einen Partner zu finden bzw. eine Partnerschaft über einen längeren Zeitraum zu führen.  Die meisten Menschen verstehen eine Partnerschaft nur dann als „richtige“ Partnerschaft, wenn es  in diesem Rahmen auch regelmäßig zu sexuellen Begegnungen und zum Geschlechtsakt kommt.

 

Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, denn auch ich bin asexuell.

Meine persönliche asexuelle Orientierung zeichnet sich dahingehend aus, dass  ich mich weder von anderen Menschen körperlich  angezogen bzw. hingezogen fühle, während ich aber auch grundsätzlich  so gut wie keine sexuelle Lust verspüre.  


Ich gehe heute sehr offen mit meiner sexuellen - asexuellen Ausrichtung um.  Doch der Weg dorthin, mich als Mensch, dessen Verlangen nach Körperlichkeit und Sex bei nahezu Null angesiedelt ist, zu respektieren, zu akzeptieren und letztendlich sogar zu "lieben" war steinig und schwer.  Ich habe mich Jahrzehnte lang als abnormal wahrgenommen.  Ich bemühte mich „normal“ zu sein und tat alles dafür, mein Sexualleben irgendwie in Schwung zu bringen. 

 

Ich machte verschiedene Sexualtherapien, war sogar in einem Tantraseminar  und nutzte u.a. natürlich auch Methoden aus meinem eigenen mentalen Werkzeugkoffer, um das Feuer der körperlichen Leidenschaft in mir zu entfachen. Ich habe wirklich vieles versucht und probiert, um meine sexuelle Lust zu erwecken und zum Erblühen zu bringen. Doch wie soll etwas erblühen, das von Natur aus in mir, anders als bei vielen anderen Menschen, nun mal so gut wie gar nicht angelegt ist? Das ist ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Bis ich das erkannte habe, habe ich enorm viel Zeit und Geld in die Erweckung meiner Lust investiert. Ein verlustreiches Investment, denn an Lust dazugewonnen habe ich dabei nicht, wie ich eines schönen Tages letztendlich erkennen durfte bzw. auch ein wenig schmerzlich erkennen musste: "Außer Spesen, nichts gewesen!" wie man so schön sagt.  


Lange Zeit war ich mir meiner eigenen Asexualität  gar nicht bewusst. Das lag unter anderem wahrscheinlich auch daran, dass ich als Kind der 60iger Jahre das Licht der Welt erblickte.  Die legendären 60iger waren  eine Zeit in der es zwar einerseits durch die Hippie bzw. Flowerpower-Bewegung und deren Motto "Make Love, not war" zur sexuellen Revolution kam, auf der anderen Seite  aber war jede Art von Sexualität, selbst der ganz normale Blümchensex, in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer ein megagroßes Tabuthema. Trotz dieser neuen Lustbewegung war Sexualität nach wie vor eine Sache, über die man für gewöhnlich nicht sprach. 

 

Jahrzehnte war ich der Ansicht,  wie so viele andere auch, die von Mutter Natur ebenfalls mit der asexuellen Besonderheit gesegnet wurden, meine sexuelle Unlust sei etwas Krankhaftes. Wenn ich eine Beziehung hatte - ich habe sogar 13 Jahre lang eine Ehe geführt -  habe ich körperliche Nähe und den Sex meistens einfach über mich ergehen lassen. Ich machte gute Miene zum für mich oft sehr bösem, weil sehr schmerzhaftem und auch ekelerregendem Sex- und Körperspiel. Das war zwar immer höchst unangenehm und unlustig für mich, aber anders wäre es gar nicht möglich gewesen eine Partnerschaft zu führen.

 

Im Gegensatz zu „normalen „ Menschen, die oft ihre Lust ein wenig unterdrücken müssen, musste ich  lernen, meine Unlust zu unterdrücken. Dabei fühlte ich mich oft  missbraucht und als Mensch zu einem Stück Fleisch degradiert, das dafür benutzt wird,  den sexuellen Hunger eines anderen zu stillen.   

 

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, möchte ich festhalten, dass die meisten Menschen, mit denen ich eine mehr oder weniger lange Beziehung führte, mich weder missbraucht haben, noch mich wirklich nur als ein Stück Fleisch betrachteten, das der Befriedigung ihrer Fleischeslust dient.  Das war meistens nur meine eigene Wahrnehmung, mein eigenes Denken, mein eigenes Fühlen. 

 

Das sexuelle Mitspielen und die Sache einfach über mich ergehen lassen,  funktionierte für gewöhnlich immer nur bis zu einem gewissen Punkt. Im Laufe jeder meiner Beziehungen begann ich irgendwann  den Sex und auch andere körperliche Begegnungen  immer öfter und letztendlich sogar komplett zu verweigern, weil die ganze Sache körperlich und seelisch einfach zu schmerzhaft für mich wurde.  Das sorgte natürlich dann regelässig für Diskussionen, die mitunter auch zu sehr unschönen Streitigkeiten ausarteten.

 

Vor allem in einer meiner Beziehungen, die grundsätzlich eher stressbeladen war,  kam es  in der Hitze des Gefechts dann manchmal auch vor, dass mein Partner mich mit Worten wie zB: „Du bist eine frigide Tussi" Sei froh, dass dich überhaupt jemand will!“ beleidigte. Das tat dann schon ziemlich weh.  Heute kann ich allerdings schon gut verstehen,  dass wenn man über Asexualität, so wie das bei meinem ehemaligen Partner und auch bei mir selbst damals der Fall war,  so gut wie gar nichts weiß, ein Verweigern von Körperlichkeit in einer Beziehung schnell einmal völlig falsch verstanden wird.  

 

Letztendlich sind alle meine Beziehungen, auch jene, die durchaus in vielen anderen Belangen  ziemlich harmonisch und glücklich verliefen, an meiner Asexualität bzw. am Unverständnis, dass es so etwas wie Asexualität überhaupt gibt, zerbrochen. 

 

Diese Dinge haben allesamt über die Jahre hinweg ordentlich an meinem Selbstwert genagt. Wie bei vielen anderen Menschen auch, wurden sie im Laufe der Zeit  zu einer immer größeren psychischen Belastung. Die Folgen derartiger Dauerbelastung sind oft schwerwiegend.  Sie können zu Angst- und Panikstörungen führen und Depressionen, Schlaflosigkeit, Burnout, usw. auslösen. Auch körperliche Beschwerden, wie Schmerzen im Intimbereich, für die es keine medizinische Erklärung gibt, werden bei manchen Betroffenen irgendwann spürbar.

 

Ich habe all das durchlebt und am eigenen Leib durchlitten. 


Inzwischen bin ich 63 Jahre alt. Erst seit ungefähr meinem 50sten Lebensjahr bin ich mir meiner Asexualität voll und ganz bewusst und kann auch dazu stehen. Heute lebe ich sehr glücklich damit.  Das ist mir nicht zuletzt auch deshalb spät aber doch gelungen, weil Gott sei Dank in den letzten Jahren das Thema auch in der Öffentlichkeit ein klein wenig präsenter geworden ist.

 

Es braucht hier viel mehr Information, damit in den Köpfen der Menschen insgesamt das Verständnis dafür wachsen kann,  dass es Asexualität gibt, diese nicht krankhaft ist und auch nicht gleichbedeutend damit, dass asexuelle Menschen nicht den Wunsch nach einer Beziehung haben oder gar beziehungsunfähig sind. Asexuell zu sein ist  nicht gleichbedeutend damit, nicht liebesfähig zu sein. Asexuelle Menschen sind mitunter sogar noch weitaus tieffühlender und liebesfähiger, als Menschen  mit mehr oder weniger "normalen" sexuellen Bedürfnissen. Das ist eine Tatsache, die ich nicht nur an mir selbst wahrgenommen habe, sondern diese Erkenntnis basiert auf zahlreichen Erfahrungswerten, die ich in den letzten Jahrzehnten durch viele Gespräche  mit Kundinnen und Kunden, die  meine psychologische Beratungspraxis mit diesem Thema aufgesucht haben, sammeln durfte. 


Ich wünsche mir von der Gesellschaft, dass sie mehr Verständnis dafür entwickelt,  dass Asexualität keine sexuelle Abnormität ist, sondern eine von vielen faszinierenden Facetten im Bereich der sexuellen Orientierung darstellt. 

 

Ich wünsche mir, dass diese Form der Sexualität als  eine  Möglichkeit verstanden wird,   zwischenmenschliche Paar- und Liebesbeziehungen, in einer Form von Intimität befriedigend zu gestalten, die eben ein wenig anders ist als jene, die von den meisten Menschen normalerweise  gelebt und geliebt wird.  


Auch Menschen, die ganz und gar nicht in das asexuelle Spektrum einzuordnen sind  durchleben Phasen, in denen ihre sexuelle Lust sich eher in Grenzen hält.  In meiner Beratungspraxis erlebe ich es immer wieder, dass Männer wie Frauen, mir erzählen, dass sie mit ihrem Partner sexuell verkehren, obwohl sie eigentlich so gar keinen Bock auf "Liebe machen" haben.  Ein Beweggrund, der mir dafür oft genannt wird, ist der folgende:

 

"Ich habe Angst meine Partnerin, mein Partner glaubt, ich würde sie nicht mehr lieben bzw. jemand anderen haben, d.h. fremd gehen und dergleichen,  wenn ich nicht regelmäßig Sex mit ihr / ihm habe!"

 

Diese  Menschen stecken in einer ordentlichen Liebeszwickmühle. Sie wollen den Partner nicht verlieren, weil sie ihn wirklich lieben und grundsätzlich glücklich mit ihm sind, sehen aber in ihrer sexuellen Unlust ein hohes Gefahrenpotential, dass die Beziehung daran zerbrechen könnte. Diese Vorstellungen haben auch ihre reale Berechtigung, denn ich erlebe es nur allzu oft, dass an sich harmonische Partnerschaften aufgrund fehlender sexueller Lust, sich aufreiben, sich  sukzessive zerrütten und letztendlich gegen die Wand gefahren werden.

 

Bevor das passiert, eine professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen ist keinesfalls verkehrt. 

 

Kommt man mit allen Beteiligten, zunächst einmal getrennt voneinander, ins Gespräch, erlebe ich oft, dass diese sexuelle Unlust keineswegs nur einseitig ist. Jede Seite erzählt mir, dass sie einfach gute Miene zum "bösen" Sexspiel macht, in dem Glauben, dass der andere das unbedingt braucht, um sich wertgeschätzt und geliebt zu fühlen.  Sowohl der eine, wie auch der andere Partner  hat oft keine Ahnung, dass beim Partner, bei der Partnerin genauso wenig Bedarf an  Sexualität vorhanden ist, wie im eigenen Bereich.

 

Wird das erkannt und dann gemeinsam offen und  ehrlich besprochen, kommt es für alle Beteiligten zu einem oft sehr erlösenden AHA-Erlebnis.  Viele Partnerschaften können sich mit dieser Erkenntnis dann neu aufstellen und harmonisch weitergeführt werden, selbst dann, wenn es vielleicht nur alle heiligen Zeiten (oder vielleicht  auch gar nicht mehr) zu einer sexuellen Begegnung der ganz normalen Art kommt. Viele berichten auch, dass sexuelle Begegnungen, auch wenn sie nur selten stattfinden, dafür aber dann für beide Teile  wesentlich lustvoller und befriedigender sind, als je zuvor.   


Hast du noch Fragen zum Thema Asexualität bzw.  zum Thema Sexualität allgemein? 

Oder hast  du vielleicht gerade ein Problem im Bereich deiner eigenen Partnerschaft, über das du gerne mit einer Person sprechen möchtest, die dir professionell, mit viel Know-How, aber frei von Vor- und Werturteilen, mit Wertschätzung,  Verständnis und viel eigener Lebenserfahrung begegnet?

 

Möchtest du  Informationen, die dich beim Finden von Lösungen in Beziehungs- und auch anderen Lebensfragen  wirklich vorwärtsbringen;  fernab von irgendwelchen mehr oder wenig gut gemeinten "Ratschlägen",  die meist eher dazu  führen, dass du dich dann nur noch mehr "erschlagen fühlst", als du das möglicherweise sowieso schon tust?

 

Wenn ja, dann scheu dich nicht mich zu kontaktieren. 

Am besten machst du das über das Kontaktformular auf diese Seite

Ich freue mich schon jetzt auf ein spannendes, "intimes" Plauderstündchen mit dir!